Das schwarze Schaf lebt noch…

…und hat die uralten Seiten aus der Versenkung gehoben und neu heraus geputzt. Auch wenn die Texte mehr als zehn Jahre alt sind, so haben sie nichts von ihrer Gültigkeit und Aktualität verloren. Zu der Zeit fing ich an, all die Glaubenssätze, Verhaltensmuster, Tabus und ungeschriebenen Regeln innerhalb meines Familiengefüges zu hinterfragen, was eine sehr schmerzhafte Zeit war. Die Reaktionen einiger Herdenmitglieder war derart heftig, dass ich es nie für möglich gehalten habe. Inzwischen sind kaum noch welche da, sie sind hinweg gestorben. Einige von ihnen haben verstanden. Einige von ihnen bis an ihr Lebensende nicht. Die Veränderungen kamen von mir. Manche haben sich davon inspirieren lassen und waren in die Lage gekommen, selbst Veränderungen anzuschieben. Viele aber haben abgewehrt und sind ihrer Wege gegangen.

Inzwischen weiß ich, dass die Schwarzen Schafe in einer Gesellschaft niemals welche wären, gäbe es die Ursache nicht, das Patriarchat. Ich schreibe darüber schon seit Jahren auf meinem Blog www.suedelbien.de.

Gerechtigkeit – gibt es sie überhaupt?

Schwarze Schafe haben ein sehr ausgeprägtes Rechtsempfinden, weil sie wegen ihrer Fellfarbe schon von Lämmchenbeinen an ungerecht behandelt wurden. Meistens zeigte sich diese Ungerechtigkeit in demütigenden Kränkungen, denen das kleine schwarze Lamm ausgesetzt war und gegen die es sich natürlich nicht wehren konnte. Die wichtigsten Kränkungen sind: Ausgrenzung, Abwertung, verlassen werden, ignoriert werden, abgeschoben werden, verraten werden, ausgenutzt und benutzt werden, nicht akzeptiert werden, nicht geliebt werden. Dies geschieht seitens der Bezugsschafe nicht bewusst, sondern auf der unbewussten Ebene. Dennoch hat es für das schwarze Lamm verheerende Folgen, die erst sehr viel später, wenn es längst ein erwachsenes, willensstarkes und autonomes schwarzes Schaf geworden ist, bei passender (bzw. meistens eher sehr unpassender) Gelegenheit zutage treten.
Weil das schwarze Schaf aus seiner Lammzeit durch die Kränkungen erhebliche Defizite mit sich herumschleppt, hat es im Laufe seines Lebens Strategien entwickelt, sie zu verdecken/verstecken um sie nicht mehr spüren zu müssen, da sie sehr sehr weh tun. Z.B. entwickeln manche Schafe ein Helfersyndrom, um sich auf diese Weise die fehlende Anerkennung zu holen. Oder sie strampeln sich ab, überall die Besten zu sein, um damit Bewunderung und Aufmerksamkeit bei den Mitschafen zu erlangen. Dass diese neidisch reagieren könnten und somit mit Ablehnung, muss das schwarze Schaf erst begreifen lernen. Ein gesundes Schaf mit geringen Defiziten kann damit gelassen umgehen. Ein narzisstisch gestörtes schwarzes Schaf aber hat damit erhebliche Probleme.

Die Folge: Auf im Erwachsenenalter erlittene ähnliche Behandlungen oder Kränkungen seitens der Mitschafe reagiert das schwarze Schaf sehr empfindlich und häufig über. Noch empfindlicher reagiert es aber, wenn die eigenen Familienschafe es nach wie vor so behandeln wie sie es eben immer taten, jahrzehntelang.

Wie man sich aus solchen rigiden familiären Verhaltensmustern befreit, habe ich ja hinreichend beschrieben. Manchmal jedoch reicht es nicht, sondern es kommen weitere verdeckte Defizite zutage.

Dann geht alles nochmal von vorne los. Oder nicht ganz, denn diesmal kennt das schwarze Schaf den ganzen Hintergrund. Möglicherweise hat es dann aber einfach nicht mehr die Kraft, die Lust und die Einsicht, etwas zu verändern. Es lässt eben erst mal alles so, wie es ist und hält es aus, denn das hat es inzwischen gelernt.

Manchmal kommt es dann ganz dicke. Ein Gericht sieht z.B. eine Rechtslage anders als das schwarze Schaf, und es verliert nicht nur hunderte von Euro, sondern auch noch den Glauben in eine höhere Gerechtigkeit. Es ist jahrzehntelang durch eine Hölle gegangen, verursacht durch einen neuen Ehepartner eines seiner Elternschafe. Am Ende geht es nicht nur leer aus, sondern darf auch noch für falsche Behauptungen und Vorverurteilungen der Gegenseite zahlen.

Bitter. Aber Schicksal. Und deswegen zu akzeptieren. Das Leben auf’m Deich geht weiter. Und gespannt wartet es darauf, wie es mit dem anderen Elternschaf und dessen neuem Ehepartner so weitergeht. Momentan hat es aber davon gründlich die Schafsschnauze voll.

Einmal im Jahr…

Tagebuch schreiben, mehr ist nicht drin angesichts der vielen Veränderungen, die im letzten Jahr über das schwarze Website-Betreiberschaf hinweggerauscht sind…

Ein wichtiges Schaf ist für immer gegangen. Andere wichtige Schafe waren plötzlich näher als jemals gewohnt. Dann aber auch wieder nicht. Dann ist kurz darauf noch ein Schaf gegangen, das sollte eigentlich gar nicht wichtig sein, war es aber leider doch viel zu sehr. Das schwarze Schaf ist froh darüber, aber das unwichtige Schaf hinterlässt gemeine, scharfkantige Spuren in trockenem Dreck. Das schwarze Schaf reißt sich die empfindlichen Hufe auf und blökt vor Schmerz die Schafe an, denen es eigentlich doch ganz nahe sein will.

Es steht momentan wieder ziemlich allein, kann aber nun ganz gut damit umgehen. Es weiß um die Nöte und Ängste der anderen Schafe genau wie um seine eigenen. Es kann sie und sich selbst damit alleine lassen.

Ein schlappes Jahr später

Sehr viel hat sich seit dem letzten Eintrag, der noch eine Menge Verletztheit erkennen lässt, getan. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, also…
Das Wichtigste: Der Kontakt zur Herde ist wieder hergestellt, und ich wandere wieder mit ihr, ohne jedoch meine eigenen Ziele unterzuordnen. Nach wie vor grase ich dort, wo ich will, springe über fremde Deiche, aber die Herde hat es akzeptiert und lässt mich. Es kommt sogar ab und an mal ein Herdenschaf mit. Auf einmal fällt mir auf, dass die Herdenmitglieder mitnichten alle rein weiß sind, sondern durchaus grau, braun, gefleckt, mit schwarzen Socken, schwarzen Köpfen, es gibt auch ganz schwarze. Warum ist mir das vorher nicht aufgefallen?

Natürlich ist trotz aller positiven Entwicklung und Veränderung noch lange nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, und das wird es auch niemals sein. Wichtig ist, dass ich dieses jetzt genau weiß und gelassen damit umgehen kann. Aber auch nicht immer. Es gibt immer wieder Situationen im Zwischenschaflichen, die für mich eine Herausforderung darstellen; in denen bei mir wieder einmal die Wut hochkocht. Aber ich stehe meiner Wut nun nicht mehr hilflos gegenüber, ich kann sie in fruchtbare Bahnen lenken. Manchmal brauche ich das noch, das Ausbüxen aus der Herde, um nachzudenken. Danach finde ich den Weg zurück auf meinen eingeschlagenen Kurs.

Was auch noch ganz wichtig ist zu erwähnen: Hat man ein Problem im Zwischenschaflichen gelöst, kann es sein, dass plötzlich ein anderes, das vorher verschüttet war, zum Vorschein kommt. Nun erst ist die Zeit reif, dort hin zugucken und sich damit zu beschäftigen. Man hat das Gefühl, wieder von vorne anfangen zu müssen, dabei sind einfach nur die Mechanismen gleich. Es tut weh, sich ein Problem vor Augen zu führen, es fällt schwer, die Veränderung (an sich selbst) einzuleiten, die nötig ist, um es zu lösen. Es ist immer dasselbe. In allen Bereichen. Und das wird sich nie ändern.

Wenn man das kapiert hat, hat man einen Riesenschritt getan, um mit seinem Leben zukünftig gelassener und stressfreier umzugehen.

Ambivalenz

Frühlingsanfang. Zeit der Gefühle, also auch der nicht gewollten, widersprüchlichen, ambivalenten.
Sie sind da, unleugbar in ihrer Präsenz.
Ich bin wieder am Anfang. Am Anfang war die Dramatisierung meiner früheren Aktionen. Plötzlich erlebe ich es wieder, zwar in abgemilderter Form, aber nicht weniger intensiv. Ich bin wieder einmal total platt, falle aus allen Wolken, wie damals schon.
Diesmal bin ich etwas weiter, habe eine Menge gelernt. Ich kann dem Schlag etwas entgegensetzen. Aber ich bin nicht die Ruhe selbst, ich bin nicht gelassen, ich bin wütend.
Ich bin wütend, weil ich es bin, die sich verändern muss, um an dem Status Quo etwas zu ändern. Warum begreifen es die anderen nicht, dass sie einen genau so großen Anteil haben? Warum können die anderen es nicht akzeptieren, dass ich so bin wie ich bin? Warum muss ich meine Ecken und Kanten abfeilen, um stromlinienförmig in den Mainstream zu passen, damit alle mich akzeptieren und mir zuhören?

Ich kann auf falsche Zuhörer verzichten, die nur so tun, als hörten sie mir zu, aber es nicht wirklich tun und mir auch niemals sagen würden, dass sie mir nicht zuhören wollen.

Ich habe festgestellt, dass es Menschen gibt, die mir folgen wollen und können und andere nicht. Ich habe mich entschlossen, den Menschen zu vertrauen, die mir freiwillig folgen und mir zuhören wollen, und jene hinter mir zu lassen, die es nicht wollen. Das liegt ganz bei ihnen.

Aggressive emotionale Nacktheit

Vor einigen Tagen entdeckte ich in einem Laden für witzige und außergewöhnliche Tassen, Becher und Untersetzer eine Kachel, auf der einige weiße Schafe, ein schwarzes Schaf und ein nacktes Schaf abgebildet waren. Mich faszinierte diese Kachel sofort, ich wusste nur nicht gleich, warum. Die weiße Herde, klar, das schwarze Schaf, klar. Aber das nackte Schaf hatte eine besondere Bedeutung. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Ein Herdenmitglied hat mir einmal versichert, dass für es eine Beziehung zu mir eine solche aggressive emotionale Nacktheit, wie ich sie an den Tag lege, nicht beinhaltet. Mit anderen Worten: Es ginge eventuell schon eine Beziehung mit mir ein, wenn ich doch gefälligst nicht ständig meine Gefühle zeigen würde.
Dieses Herdenmitglied hat Pech gehabt. Meine aggressive emotionale Nacktheit gehört zu mir wie die schwarze Fellfarbe, sie ist sozusagen ich selbst in geschorenem Zustand. Ich bin, wie ich bin.
Jedes Schaf gerät einmal in die Situation, geschoren worden zu sein und nackt dazustehen. Gerade dann ist die Wärme untereinander besonders wichtig. Nicht gewärmte nackte Schafe neigen dazu, aggressiv herumzublöken. Die gewärmten Schafe verdrängen dies, um nicht selbst zu frieren.

Hier ist die Kachel übrigens:

 

 

 

 

 

 

Zu beziehen bei: http://www.mugsandmore.de/

Herdenbande

Das Schaf ist ein Herdentier. Aber wir wissen, es gibt Unterschiede unter den einzelnen Schafen. Schwarze Schafe neigen zur Distanz zur Herde, weiße Schafe zur Integration ihrerseits bzw. zur Ausgrenzung Andersartiger. Dass sie eigentlich alle zusammen gehören, ist weder dem einen noch dem anderen Schaf zunächst wirklich bewusst. Vielleicht erkennt das eine oder andere Schaf, ob schwarz oder weiß, dass ihm etwas fehlt, wenn ein Teil der Herde wirklich nicht mehr da ist. Die weiße Herde kann vor’m Deich abgesoffen sein, oder das schwarze Schaf ist geschlachtet worden, wer weiß. Wenn es so ist, ist es sehr schlimm für die anderen. Einfach nur traurig ist es dagegen, wenn ein Teil so tut, als existiere der andere Teil nicht, aus welchen Gründen auch immer.
Herdenmitglieder sind und bleiben immer das, was sie sind, Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Onkel, Tante. Sie werden für die anderen immer da sein. Es ist unmöglich, sie einfach aus dem Gehirn zu verbannen und auf Ewigkeit zu ignorieren, egal, wie groß der Abstand zwischen ihnen auch sein mag.

Trost

Ein paar mutmachende und passende Sinnsprüche für gerade traurige schwarze Schafe:

Spricht jemand schlecht von Dir, sei’s ihm erlaubt.
Du aber lebe so, dass es ihm keiner glaubt.
Poesiealbum, Klassenlehrer in der Grundschule

Schmähungen entehren nur den, der sie sagt.

Der Adler fliegt allein,
der Rabe scharenweise.
Gesellschaft sucht der Tor,
doch Einsamkeit der Weise.
Friedrich Rückert

Es gibt kein problematisches Kind, es gibt nur problematische Eltern.
Alexander S. Neill

Gottes sind Wogen und Wind.
Aber Segel und Steuer,
dass Ihr den Hafen gewinnt,
sind Euer!
Gorch Fock

Alle Menschen sind klug; die einen vorher, die anderen nachher.

Standpunkte und Wahrnehmungen

Was ist ein Standpunkt?
Die Deichkrone, auf der man steht, sich den Wind um die Nase wehen lässt und in die Ferne sieht. Die Wahrnehmung kann Unabhängigkeit und Freiheit sein. Oder Einsamkeit und Verlorenheit.
Der Mittelpunkt der Herde. Die Wahrnehmung ist die Geborgenheit bietende Wärme der Schafleiber um einen herum. Oder das Gefühl, eingeengt zu sein.
Beides sind Standpunkte, die richtig sind. Die Wahrnehmungen sind unterschiedlich.

Um Standpunkt und Wahrnehmung in Einklang zu bringen, muss man manchmal den Standpunkt wechseln.

Grenzen setzen

Schwarze Schafe grenzen sich allein schon durch die Fellfarbe von der Herde ab. Deshalb sollte man meinen, dass schwarzen Schafen Grenzen von Haus aus bewusst sein müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur, dass sie liebend gern meist unbeabsichtigt die Grenzen anderer verletzen und damit ins Fettnäpfchen treten, sie verstehen es auch nur schlecht, anderen gegenüber Grenzen für sich selbst zu setzen.

Da schwarze Schafe sich von der „Herdengesellschaft“ abheben, stehen sie im Fokus derselben. Die Herde stört das und versucht, die ungeliebten Mitschafe zu integrieren. Die schwarzen Schafe werden in die Anonymität der Herde gedrängt, um sie zu verstecken. Weil auch das schwarze Schaf das Bedürfnis hat, zu einer Gruppe zu gehören, lässt es dies zunächst über sich ergehen, weil es Angst hat, allein zu sein. Dieses Harmoniebedürfnis steht jedoch stark mit dem Autonomietrieb des schwarzen Schafes in Konflikt. Es erkennt bald, dass die Herde es nicht um seiner selbst willen akzeptiert, sondern daran Bedingungen knüpft. Es hat immer schön im Konsens zu mähen, die ungeschriebenen Gesetze einzuhalten, sich sagen zu lassen, wo es zu grasen hat, sich blöken zu lassen, welche Richtung gegangen wird. Tut es das nicht, wird mit Liebesentzug gestraft, Schuldgefühle werden eingepflanzt.

Wenn es endlich erkennt, dass es sich so nicht mehr erpressen lassen will, muss es jetzt gegenüber den anderen Schafen Grenzen setzen, um zu überleben. Der Satz „Ich will das nicht!“ sollte anfangs reichen. Lassen sich vor lauter von der Herde eingenommenem Terrain keine Grenzen mehr setzen, hilft nur noch, sich mit einem Rundumschlag zu befreien, also, Kopf ‚runter und ab durch die Herde! Die wird natürlich perplex und hochgradig beleidigt sein, aber sie hat jetzt ihre Chance, ihr eigenes Verhalten zu überdenken. Ob sie das wohl tut und etwas dabei heraus kommt?