Von Mutter- und Tochterschafen

Das Mutterschaf ist häufig gegenüber dem Tochterschaf bedürftig. Es hat selbst keine Anerkennung und Liebe durch sein eigenes Mutterschaf erfahren und versucht nun, diese vom Tochterschaf zu bekommen. Dem Tochterschaf ist das natürlich überhaupt nicht bewusst, denn die Beziehung zum Mutterschaf hat sich nach dem Erwachsen werden deutlich stabilisiert. Man kommt im großen und ganzen gut miteinander aus.

Das ändert sich aber, wenn das Tochterschaf selbst ein Lämmchen bekommt. Das Mutterschaf sieht sich plötzlich in einer Konkurrenzsituation mit dem Lamm. Das Tochterschaf wendet seine ganze Aufmerksamkeit seinem Lämmchen zu und somit von dem Mutterschaf ab. Deswegen versucht das Mutterschaf, das Enkellamm emotional zu vereinnahmen, um hier wieder Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Tochterschaf empfindet das als massive Einmischung und geht auf Distanz. Das Mutterschaf erpresst das Tochterschaf daraufhin emotional, in dem es ihm Schuldgefühle einflößt, z.B. mit solchen Aussagen wie: „Ich habe doch so viel für dich getan!“ oder „Das kannst du doch deiner Mutter nicht antun!“. Dies ist eine extrem böse Falle für das Tochterschaf. Es muss sich an dieser Stelle entscheiden, ob es die Erpressung zulässt, um weiterhin zur Herde zu gehören, oder aber zum schwarzen Schaf zu werden, um seinen eigenen Seelenfrieden zu retten und sein Lamm vor der Vereinnahmung durch das Mutterschaf zu schützen.

Für das Tochterschaf ist es sehr schwer, diese Falle überhaupt zu erkennen. Denn sie zu erkennen heißt, der schmerzenden Wahrheit ins Gesicht zu sehen, die da heißt: „Dein eigenes Mutterschaft kann dir keine Zuwendung, Anerkennung und Liebe geben, es will Zuwendung, Anerkennung und Liebe von dir, und wenn es sie nicht bekommt, straft es dich durch Missachtung und Abwertung.“

Manche Tochterschafe erkennen das früh, andere später, manche nie. Die frühen sind noch am besten ‚dran und können rechtzeitig Grenzen setzen, was schwer genug ist. Die späten haben ein Problem, denn sie haben jahrelang die Einmischung zugelassen und müssen nun auf einmal Grenzen setzen, was sie nie getan haben. Häufig hilft nur noch eine Trennung, zumindest auf Zeit. Es ist fraglich, ob das Mutterschaf dann noch etwas begreifen wird. Die, die es nie erkennen, werden sich nicht von ihrem Mutterschaf lösen können, so bitter es auch ist, sogar bis über den Tod des Mutterschafes hinaus.

O Fortuna, velut Luna statu variabilis,
semper crescis aut decrescis.

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